Badisches Staatstheater Karlsruhe

 
Wiederaufnahme am 10.10.2010, OPERNHAUS
DER ROSENKAVALIER
Komödie für Musik in drei Akten von Richard Strauss
Text von Hugo von Hofmannsthal
Christina Niessen (Die Feldmarschallin), Daniela Sindram (Octavian)
Foto: Jacqueline Krause-Burberg

Musikalische Leitung: Justin Brown
Regie: Dominique Mentha
Bühne: Christian Floeren
Kostüme: Ute Frühling

"In den Gesichtern rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie. Und zwischen mir und dir, da fließt sie wieder. Lautlos wie eine Sanduhr …", sinniert die Marschallin, die gerade eine Nacht mit ihrem siebzehnjährigen Geliebten Octavian verbracht hat. - Die Zeit, ein ebenso abstrakter wie konkreter Begriff als Gegenstand einer Komödie für Musik?
Hugo von Hofmannsthal (1874-1929), der sich selbst einmal einen "Dichter, organisiert, den zarten Zusammenhang des Daseins zu hören" genannt hat, und der Münchner Komponist Richard Strauss (1864-1949), dessen Eigenart Hofmannsthal treffend als eine "Mischung von Charakteristisch-Groteskem mit Lyrischem" umschrieb, haben das Kunststück fertig gebracht, ein gewichtiges Thema mit leichter Hand als Folie in eine Komödie einzubetten.
"Der Rosenkavalier" (uraufgeführt am 26. Januar 1911 in der Hofoper Dresden) regt die Phantasie an, um über die Begriffe Schein und Sein nachzudenken. Er reflektiert und spiegelt romantische Liebessehnsüchte, erotisches Liebesverlangen, das Bedürfnis, in einem "Du" das eigene "Ich" zu finden, handfeste, derbe Sinnlichkeitsgelüste, das Geschäft mit der Liebe wie auch die Angst vor Alter und Verlassenwerden, mithin das Bewusstsein von der Vergänglichkeit menschlicher Beziehungen schlechthin. "Der Rosenkavalier" gewährt die unterschiedlichsten – mal lyrisch-wehmütigen, mal grotesk-komischen – Perspektiven auf die angesprochenen Themen und unterwirft sie doch alle der "rieselnden Zeit".
Zusammengeführt werden die reife, verheiratete, aber in ihrer Ehe nicht glückliche Marschallin und ihr stürmisch-jugendlicher Liebhaber Octavian. Dieser verliebt sich dann in die junge schwärmerische Sophie, die jedoch bereits von ihrem durch Waffengeschäfte reich gewordenen und Titel heischenden Vater Faninal versprochen wurde: dem ungehobelten, kleinadeligen aber nicht mehr wohlhabenden, sich schon in gesetztem Alter befindlichen Baron Ochs, einem Don Juan in Westentaschenformat. Diese vier Menschen werden in wechselnden Konstellationen miteinander verbunden und wieder getrennt. Die Marschallin, in einer Verzichtsgeste Octavian der Jüngeren überlassend, nimmt zum Schluss das Zyklische des menschlichen Daseins, das Werden und Vergehen, als Natur gewollte Tatsache an. Und die jungen Liebenden? Werden Sophie, die in ihrer Mischung aus Naivität und Raffinesse das Heiratsgeschäft ihres Vaters als "Rosstausch" durchschaut, und Octavian, dessen Jugend, Charme und glanzvolle Herkunft doch nicht darüber hinwegtäuschen können, dass er – und darin seinem Vetter Ochs sehr ähnlich – gerne auf Jagdmetaphern zurückgreift, wenn er über weibliche Eroberungen nachdenkt -, werden diese zwei in dauerhafter Liebe verbunden bleiben? Hugo von Hofmannsthal bemerkt dazu: "Octavian zieht Sophie zu sich herüber, aber zieht er sie wirklich zu sich und auf immer? Das bleibt vielleicht im Zweifel …"
Diese "zweideutige", dem steten Wandel unterworfene Atmosphäre ist für die ganze Oper bestimmend und macht auch ihre Faszination aus. Richard Strauss schuf für dieses Stück eine – vom Idiom des Wiener Walzers durchzogene – sinnlich betörende, rauschhafte, wie auch von Ironie durchtränkte Musik, die sich durch unzählige artistische Feinheiten, durch lyrische Eingebung, Komik und die Grenze des Tragischen streifende Wehmut auszeichnet.

"Die Musik ist unendlich liebevoll und verbindet alles: ihr ist der Ochs nicht abscheulich – sie spürt, was hinter ihm ist, und sein Faunsgesicht und das Knabengesicht des Rofrano sind ihr nur wechselweise vorgebundene Masken, aus denen das gleiche Auge blickt. – Ihr ist die Trauer der Marschallin ebenso süßer Wohllaut wie Sophiens kindliche Freude, sie kennt nur ein Ziel: die Eintracht des Lebendigen sich ergießen zu lassen." (Hugo von Hofmannsthal)


 
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