Badisches Staatstheater Karlsruhe

 
Wiederaufnahme am 25.09.2010, OPERNHAUS
EURYANTHE
Große heroisch-romantische Oper in drei Akten von Carl Maria von Weber
Text von Helmina de Chézy

Foto: Jacqueline Krause-Burberg

Musikalische Leitung: Christoph Gedschold
Regie und Bühne: Roland Aeschlimann
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer

Dass der "Freischütz" für Weber (1786-1826) nur eine Stufe seiner Entwicklung bedeutete, geht daraus hervor, dass der Komponist seinem Singspiel-Erfolg durch einen Sieg auf der Bühne der großen Oper zu überbieten suchte. Weber nahm das Angebot des mächtigen Impresario Domenico Barbaja an, für das Theater am Kärntnertor in Wien eine heroische Oper zu schreiben. Er akzeptierte Helmina de Chézy, eine Tochter der poetisierenden Baronin Karoline von Klenke und Enkelin der Dichterin Anna Luise Karsch, als Librettistin und wählte aus den Stoffen, die sie vorschlug, eine französische Erzählung aus dem 13. Jahrhundert, nämlich Gerbert de Montreuils "Roman de la Violette". Stoffgeschichtliche Verwandtschaft (über das Motiv des vorgetäuschten Untreuebeweises) besteht übrigens unter anderem zur Ginevra/Ariodante-Episode in Ariosts Versepos "Orlando furioso" und William Shakespeares Drama "Cymbeline". Die Musik entstand in den Jahren 1822/23 und die Uraufführung fand am 25. Oktober 1823 in Wien statt.
"Die Nachwelt umgab das Werk mit einer Mauer voreingenommener Skepsis … Die ausgesprochenen Einwände richten sich meist gegen das Textbuch und seine freilich ästhetisch angreifbare Verfasserin." (Werner Oehlmann) Mag es dem Textbuch auch an dramaturgischer Klarheit mangeln, so ist es doch reich an Phantasie und innerer Spannung: Im Mittelpunkt steht die duldende Euryanthe, die aus Liebesträumen in Abgründe tiefster Verzweiflung stürzt. Ihre Gegenspieler, die falsche Freundin Eglantine und der machthungrige Lysiart, sind Prototypen des romantischen Musiktheaters.
Die Handlung spielt in Frankreich, Anfang des 12. Jahrhunderts, zur Zeit Ludwigs VI. Während eines Hoffestes, das zu Ehren der siegreich zurückgekehrten Ritter stattfindet, singt Adolar ein Minnelied zum Preise seiner treuen Braut Euryanthe. Der neidische und zynische Lysiart hält dagegen, indem er behauptet, Euryanthe verführen zu können; daraufhin verwetten die Gegner ihr jeweiliges Erbe. Was jetzt folgt ist ein ambivalenter, abrupt aneinander gereihter Wechsel von idyllischen und dämonischen Momenten: Das Bild des heiteren Musenhofes, die leichtsinnige Wette um Frauentreue, die raue Wildnis, Adolars Kampf mit der Schlange, das düstere Hochzeitsfest des Verbrecherpaares, Euryanthes Scheintod und Wiedererwachen sind alte, überlieferte Märchenmotive. Dagegen verweisen bereits auf das Werk Richard Wagners folgende Themengebilde: Die Gestalt der entrechteten Eglantine, der unglücklichen Tochter eines Rebellen, deren Liebe Adolar verschmäht hat und die sich daraufhin mit dem besitzhungrigen, gewissenlosen Lysiart vereint. Beide versuchen im Verlauf der Geschichte Euryanthe mittels einer heimtückischen Intrige, die einen Fluch beladenen Ring zum Ausgangspunkt hat, zu vernichten.
Was nun die Webersche "Euryanthe"-Partitur angeht, so birgt sie in sich geradezu erregend Neues und Zukunftsweisendes. Das Werk zeichnet sich vor allem durch die Einheit und Dichte seiner vom ersten bis zum letzten Ton durchgehaltenen, geheimnisvollen Stimmungskraft aus. Bisher in der Operngeschichte noch nicht da gewesene, unerhört heftige Spannungsverläufe, Fahles und Grelles, innere und äußere Befindlichkeiten gehen ineinander über. "Das musikalische Wunder der 'Euryanthe' zeigt sich in der Vereinigung zweier an sich polarer Phänomene, nämlich dem kompositorischen Bau großer Zusammenhänge und einer selbst für Weber neuen realistischen Farbigkeit. Der üppige Orchesterklang scheut nicht vor schneidender Chromatik zurück, vor fahlen Farben und lyrisch-idyllischer Behaglichkeit … So bleibt nur ein entschiedenes Plädoyer für ein Werk, das direkt zu Marschner und vor allem zu Wagners 'Lohengrin' führt, als Komposition wie als Sujet. Denn erstmals lebt eine Oper durch den Gegensatz zweier extrem charakterisierter Paare; dem hellen Paar Euryanthe / Adolar und seinen dunklen Gegenspielern Eglantine / Lysiart. Daran wird Wagner unmittelbar anknüpfen." (Bernhard Rzehulka).

 


 
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