Badisches Staatstheater Karlsruhe

 
Wiederaufnahme am 19.09.2010, OPERNHAUS
DIE GRIECHISCHE PASSION
Oper in vier Akten von Bohuslav Martinů
Text vom Komponisten, nach dem Roman „Der wieder gekreuzigte Christus“ (1948) von Nikos Kazantzakis

Foto: Jacqueline Krause-Burberg

Musikalische Leitung: Christoph Gedschold
Regie: Georg Köhl
Bühne und Kostüm: Florian Etti

Das Flüchtlingsproblem war im 20. und ist im 21. Jahrhundert eine der Konstanten der Weltpolitik, egal ob die Fluchtbewegungen durch Kriege, politische Repressionen oder sonstige problematische, Existenz gefährdende Lebensverhältnisse ausgelöst werden. Heute gibt es verschiedene völkerrechtliche Regelungen, die aber alleine nicht ausreichen, um die menschlichen Dramen, die Katastrophen, die mit diesen extrem gefährlichen Unternehmungen einhergehen, einzudämmen. Neben der Linderung des Leids von Flüchtlingen, sollte daher die Beseitigung von Fluchtursachen ganz oben auf der Agenda einer sinnvollen Flüchtlingspolitik stehen. Zusätzlich gefordert ist allerdings, dass jeder einzelne Mensch – angesichts der langen und andauernden Geschichte von Flucht und Vertreibung – nicht wegschaut oder in Schweigen versinkt, so als ginge ihn das Elend anderer Menschen nichts an.Dieses hochbrisante und aktuelle Thema bespiegelt die letzte Oper des bedeutenden tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů (1890-1959). Martinůs "Die Griechische Passion" ist eine Vertonung von Nikos Kazantzakis' Roman "Der wieder gekreuzigte Christus". Der angesehene griechische Schriftsteller (geboren 1885 auf Kreta, gestorben 1957 in Freiburg im Breisgau) wurde einem breiteren Publikum vor allem durch die legendäre Filmversion seines Romans "Alexis Sorbas" aus dem Jahr 1964 mit Anthony Quinn in der Hauptrolle bekannt.
Das Drama der "Griechischen Passion" entfaltet sich in dem kleinen Dorf Lycovrissi, dessen Bewohner alle sieben Jahre in der Karwoche ein Passionsspiel aufführen. Die von dem Dorf-Ältesten ausgewählten Darsteller identifizieren sich im Verlauf der Geschichte immer stärker mit ihren jeweiligen Rollen. Als eine Gruppe Vertriebener bei ihnen Hilfe erbittet, entstehen im Dorf zwei Lager. Bei den Flüchtlingen handelt es sich dabei um Landsleute, also um Griechen, die bei Griechen Hilfe suchen, da ihr Dorf von den Türken zerstört und geplündert wurde. Die Ältesten, darunter vor allem der Priester Grigoris, reagieren abweisend, sie wollen keine "Fremden" im Dorf. Als eine junge Flüchtlingsfrau vor Hunger und Erschöpfung zusammenbricht, behauptet der unbarmherzige Priester dreist – froh, einen Grund gefunden zu haben, den Flüchtlingen nicht helfen zu müssen –, sie sei an der Cholera gestorben. Nun weichen die meisten Dorfbewohner erschrocken zurück. Doch der Dorfhirt Manolios, der die Rolle des Christus spielt, setzt sich vehement für die Vertriebenen ein. Michelis, der Darsteller des Johannes, Yannakos, der die Rolle des Petrus übernommen hat, und Kostandis, als Apostel Jakobus, stellen sich auf die Seite Manolios'. Sie alle werden exkommuniziert. Daraufhin hält der zutiefst erzürnte Manolios eine Brandrede: "In dieser unserer Welt kann nichts ohne Blutvergießen getan werden; eine solche Welt muss untergehen. Lasst sie uns anzünden, damit die Erde sich selbst reinigt." Schließlich wird Manolios von Panait – dem Darsteller des Judas – gelyncht. Die Flüchtlinge ziehen weiter … In der Oper wird die christliche Botschaft der Nächstenliebe ad absurdum geführt; in ihrem Zentrum steht die generelle Frage nach Humanität: "Die Passionsgeschichte wird ihrer Einmaligkeit enthoben und erscheint als bloßer Präzedenzfall für die 'eternal tragedy' (ewige Tragödie) einer Menschheit, die laut Martinů ständig aufs Neue mit dem eigenen Egoismus zu ringen hat." (Ivana Rentsch)

Bohuslav Martinů, der 1940, nachdem Paris von den Nazis besetzt wurde, von Südfrankreich aus in die USA emigrieren musste, hat den Flüchtlingsstatus schmerzlich selbst erfahren. "Die Griechische Passion" (Uraufführung der zweiten Fassung: 12. Juni 1961 am Züricher Opernhaus, Londoner Urfassung: 1958) gilt als eine seiner einheitlichsten und reifsten Partituren. Martinů hat für dieses spannende und aufwühlende Werk eine Tonsprache entwickelt, die musikalische Erfahrungen aus dem Schaffen Leoš Janáčeks mit Elementen griechischer Folklore, griechisch-orthodoxer Liturgie und Tanzmusik verbindet.


 
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