Badisches Staatstheater Karlsruhe

 
Wiederaufnahme am 20.10.2010, OPERNHAUS
DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL
Singspiel in drei Aufzügen von Wolfgang Amadeus Mozart
Text von Johann Gottlieb Stephanie d.J., nach dem Libretto von Christoph Friedrich Bretzner zu der Operette "Belmont und Constanze oder Die Entführung aus dem Serail" (Berlin 1781) von Johann André
"Singt dem großen Bassa Lieder": Jeder Opernfreund kennt den Marsch und Chor der Janitscharen aus dem 1. Akt der "Entführung aus dem Serail" und ist immer wieder aufs Neue fasziniert von der exotisch erscheinenden Klangwirkung. Mozart hat sie freilich nicht erfunden: Türkisches Lokalkolorit und deutsche Musik waren im 18. Jahrhundert eine häufig anzutreffende Verbindung, die sogenannten "Türkenopern" (die oftmals auch in anderen Ländern des Orients spielten) waren eine Zeitlang eine regelrechte Modeerscheinung. Und innerhalb dieses Genres erfreuten sich die Entführungs-Opern ganz besonderer Beliebtheit. Die Grundkonstellation der Handlung war immer die gleiche: Eine Frau wird von der Seite ihres Geliebten gerissen, gerät in die Hände eines orientalischen Herrschers, der sie zu seiner Favoritin erwählt, begegnet durch wundersame Schicksalsverkettungen ihrem Geliebten wieder, eine gemeinsame Flucht wird vereitelt, doch nach Androhung fürchterlichster Strafen lenkt der Herrscher ein und führt in edelmütigem Verzicht die Liebenden wieder zusammen.Wesentlich stärker als in den vorausgegangenen Entführungs-Opern, die Bretznersche Version eingeschlossen, wird in Mozarts Oper (Uraufführung 1782) aber die aufklärerische Idee vom vermeintlichen Barbaren als dem Künder wahrer Humanität herausgearbeitet. Man kann eine Verwandtschaft zu Goethes "Iphigenie auf Tauris" erkennen, die aber rein zufällig ist, da das Stück damals noch nicht öffentlich aufgeführt worden war. So gibt Selim Bassa dem Sohn seines Todfeindes bei der Freilassung folgenden Gruß auf den Weg: "Nimm deine Freiheit, nimm Konstanze, segle in dein Vaterland, sage deinem Vater, es wäre ein weit größer Vergnügen, eine erlittene Ungerechtigkeit durch Wohltaten zu vergelten als Laster mit Lastern zu tilgen." Die Befreiten haben verstanden - deutlich zu hören aus ihrem Refrain: "Wer so viel Huld vergessen kann, den seh’ man mit Verachtung an". Darüber hinaus aber gab sich Mozart nicht mit dem engen Rahmen der vorgegebenen Operngattung zufrieden, sondern nutzte die künstlerischen und technischen Möglichkeiten der Wiener Hofoper, um das Singspiel in Richtung einer großen Nationaloper zu erweitern. Höchste Ansprüche stellte er insbesondere an die Sänger der Konstanze und des Belmonte. Mit Osmin wurde der Bassbuffo zu einer Charakterrolle veredelt, die dem Sänger zudem die Farben des schwärzesten Bassregisters abverlangt. Weit über den Singspielton der Zeit geht auch der Orchestersatz hinaus, der nach sinfonischen Prinzipien gearbeitet ist und großen Reiz aus den selbständig hervortretenden Bläserfarben gewinnt.Die als Eröffnungspremiere der europäischen Kulturtage geplante Produktion muss sich - abgesehen von musikalischen Fragen - allerdings auch aktuellen Zeitbezügen stellen. Das cber zweihundertjährige Libretto gibt auch heute noch Anlass, das Verhältnis zwischen Herrschenden und Untergebenen, Mensch und Religion, Frauen und Männern und vor allem Deutschland und der Türkei zu hinterfragen. Die türkische Regisseurin Yekta Kara, die langjährige Intendantin der Istanbuler Oper, wird aus ihrer Perspektive der bisher männlich-westlichen Rezeptionsgeschichte neue Sichtweisen gegenüberstellen.

 
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